Probleme mit der Berichterstattung

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HeZi
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Probleme mit der Berichterstattung

Beitrag: # 44795Beitrag HeZi
Sa 17. Nov 2018, 11:51

»Den lustigen Fehler gemacht«
Über Macht der Bildrechteinhaber und die Chancenlosigkeit von Typen wie Günther Koch oder Manni Breuckmann. Ein Gespräch mit Rudi Brückner
Von Jürgen Roth

dpa
Rudolph »Rudi« Brückner (63) studierte in Bonn Sport und Deutsch auf Lehramt, wurde im Anschluss Volontär beim WDR und Sportjournalist. Anfang der 90er berichtete er von Großereignissen wie Olympia für das ZDF, 1995 wurde er Chefmoderator des Senders DSF und dort auch »Doppelpass«-Talkmaster (bis 2004). Heute ist er Moderator bei Sport 1. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von München

Du warst von Mitte der 90er Jahre bis 2004 Chefmoderator beim DSF, dem heutigen Sender Sport 1. Wie stellt sich dir die Zeit, als der Fußball ins Privatfernsehen wanderte, im Rückblick dar? Was hat sich damals verändert, zumal bei den Formen der Berichterstattung?

In den ersten Jahren, in denen wir auch den »Doppelpass« etabliert haben, hatten wir den großen Vorteil, dass es in der Szene der Bundesliga einfach Typen gab – Assauer, Hoeneß, Calmund et cetera. Mit denen kamst du gut über so eine lange Diskussionsstrecke. Allerdings ging es auch damals bereits mit der Abhängigkeit von den Rechten los. Und dann kommst du irgendwann an einen Punkt, an dem es eventuell schwierig wird, weil der Verband vielleicht sagt: Das, was ihr da in der vergangenen Sendung gesagt habt, hat uns aber nicht so gut gefallen. Wir wollen doch auch in Zukunft zusammenarbeiten, oder nicht? Das ist mit der DFL (Deutsche Fußballiga, jW) natürlich noch heftiger geworden. Die wenigsten wissen ja, dass die Bilder, die wir von den Spielen bekommen, vom Signal der DFL stammen. Das heißt, ich kann gar keine eigenen Bilder mehr dazumischen. Das einzige, was zum Beispiel dem ZDF noch geblieben ist – das war zu meiner Zeit beim ZDF anders –, ist, ein paar O-Töne zu sammeln. Da können sie noch nicht reingrätschen. Allerdings musst du weit vorher anmelden, wen du als Interviewpartner haben willst. Früher bist du einfach an den Spielfeldrand gegangen und hast gesagt: »Du da, komm mal her, wir machen jetzt ein Interview!« Und wenn der stehen blieb, hat man eins gemacht. Das haut heute nicht mehr hin. Das muss jetzt alles über den Pressesprecher laufen und so weiter und so fort. Es wird alles zensiert und autorisiert.

Das ist ja politbüroartig.

Das ist politbüroartig. Und das Verrückte daran ist, dass das alle hingenommen haben. Offenbar ist das Bild, das Spiel selber, immer noch so wichtig, dass die Fernsehanstalten kuschen. Stell dir mal vor, das wäre in der Politik so! Da würden sämtliche Politikjournalisten sagen: Sacht mal, geht’s noch?

Sind die Sportjournalisten allesamt Weicheier, die sich diesem ökonomischen Regime unterwerfen?

Je weiter der Sportjournalist in die elektronischen Medien hineingerät, desto zurückhaltender muss er sich geben. Als Printjournalist hast du die große Möglichkeit zu schreiben, was du wirklich denkst. Gedanken sind nach wie vor frei. Bringst du aber diese Gedanken in den elektronischen Medien zur Veröffentlichung, stößt du auf das Problem der Rechtevergabe. Wenn du damit die DFL konfrontieren würdest, würden die sagen: Nein, das machen wir natürlich nicht! Wir zensieren doch nicht! Aber die Schere im Kopf gibt es in allen Sendern. Die wissen genau, dass sie sich pausenlos fragen müssen: Können wir das noch machen? Darf man so frech noch sein? Oder könnte uns das schaden, und das nächste Mal kriegen wir die Rechte nicht mehr?

Würdest du heute den »Doppelpass« noch mal machen wollen?

Nein.

Warum nicht?

(Lacht.) Ganz einfach: Es ist viel schwieriger geworden. Es gibt ja kaum noch Menschen, die wirklich geradeaus sagen, was sie denken. Stefan Effenberg ist da eine positive Ausnahme. Wenn du schon Christoph Daum einladen musst, um über die Nationalmannschaft zu reden, ist doch irgendwas in Schieflage geraten, oder?

Durchaus. Gibt es denn überhaupt noch Sport- und Fußballjournalisten, im strengen Sinne des Wortes Journalismus?

Wie eben gesagt: unter den Printjournalisten schon. Es ist nach wie vor erfrischend, die Süddeutsche Zeitung oder die Taz zu lesen. Selbst die Welt und die Bild trauen sich manchmal ja noch, was zu schreiben, wo du sagst: Hoppla! Die können das machen. Aber je mehr elektronische Medien auf den Plan treten, desto größer wird die Abhängigkeit vom Bild. Und damit bist du abhängig von der DFL.

Sag mir doch bitte, sofern du nicht noch etwas Fundamentales zur katastrophalen Lage des Fußballjournalismus loswerden möchtest, ein Wort zu Günther Koch. Wie hast du ihn wahrgenommen?

Er war sehr witzig, das ist er wahrscheinlich immer noch. Er ist gegenüber dem Fußball sehr ehrlich. Auf der anderen Seite ist er sehr selbstverliebt, wie wir alle wahrscheinlich, und ich glaube, das muss man auch sein, wenn man ehrlich mit der Ware Fußball umgehen will. Und das macht er.

Solche Leute wird es in Zukunft nicht mehr geben, oder?

Woher auch? Es gibt im Fernsehen die Sprücheklopfer, die sich ein paar Formulierungen zurechtlegen, die sie bei passender oder unpassender Gelegenheit abfeuern. Die ehrliche Liebe zum Fußball, zum Geschehen auf dem Rasen, die gibt es nicht mehr oft. Jeder versucht sich möglichst so darzustellen, dass er am Ende gut aussieht. Das geht von den Spielern bis zu den Journalisten.

Also, ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Ich sage nur: Dieter Kürten und Co. Die waren damals eitel bis zum Anschlag. Und selbstverständlich sind wir alle eitel. Sonst würden wir den Job ja nicht machen. Und dass man behauptet, Harry Valérien sei einer der besten Journalisten gewesen, ist natürlich völliger Unsinn. Jeder Moderator, der heute derart unvorbereitet in eine Sendung ginge, wie er das immer gemacht hat … Der hat schon nach der zweiten MAZ die Regie gefragt: »Wie soll es denn weitergehen? Kann mir das mal jemand sagen?« Das war ja später geradezu sein Markenzeichen. »Wo samma? Wo samma? Ja, sag doch mal! Ja gut, dann machen wir da weiter.« Nein, das wird heute alles ein bisschen schöngeredet. Es war früher nicht alles besser.

Trotzdem will ich noch mal nachhaken: Jemand wie Marcel Reif, jemand wie du, jemand wie Günther Koch, jemand wie Manni Breuckmann käme heute nicht mehr hoch.

Nein. Das ist so. Da schließt sich der Kreis wieder. Denn du läufst bei Manni Breuckmann und bei Günther Koch und bei Marcel Reif natürlich immer Gefahr, dass die mal einen Satz sagen, der vielleicht nicht so ganz geeignet ist, um in die nächsten Verhandlungen über die Rechte zu gehen. Das ist eindeutig so. Man muss noch nicht mal ständig die DFL anschwärzen. Das ist bei den Vereinen genauso. Wenn du da nicht so redest, wie es der Verein gerne hat, bekommst du die Information selbstverständlich später als andere – wenn du sie überhaupt bekommst.

Mit den Spielern kannst du alleine ja gar keinen Kontakt mehr aufnehmen. Ich bin mit Frank Mill, als er bei Borussia Dortmund spielte, mal schön um die Häuser gezogen, und danach haben wir darüber geredet, wie wir das Porträt über ihn, das demnächst produziert werden sollte, anlegen. Das ist heute überhaupt nicht mehr drin. Wenn ein Spieler mit einem Journalisten loszieht, läuft er Gefahr, dass das am nächsten Tag in der Zeitung oder noch am Abend im Netz steht. Und auch da ist das Verhältnis nicht mehr vertraulich, sondern immer ein rein instrumentelles. Die Spieler, insbesondere ihre Berater, erwarten nach so einem Gespräch mehr Publicity. Das ist das einzige Ziel, das sie verfolgen.

Ist das eine Art Komplizenschaft? Die Journalisten machen das ja mit.

Nee. Die Komplizenschaft könntest du gerade unserer Generation eher unterjubeln. Wenn ich mit Frank Mill losgezogen bin, war ich ihm gegenüber vielleicht nicht mehr ganz so kritisch. So kann man es ja auch auslegen.

Stimmt.

Nein! Damals konnte man die Dinge besser trennen. Da hat man gesagt: »Frankie, das war jetzt sehr nett heute abend, aber gestern nachmittag hast du einfach scheiße gespielt.« Das konnte man aber auch so sagen. Jetzt sind ja alle sofort beleidigt. Wenn du tatsächlich die Ehrlichkeit voranstellst, sind sie alle eingeschnappt. Dann stimmt der Tonfall nicht, und »So kann man das nicht sehen« und so weiter und so fort. Selbst bei mir war es doch schon so, dass sich Berti Vogts beim ZDF beschwert hat. Denn ich hatte den lustigen Fehler gemacht, vor einem Spiel der Frankfurter Eintracht, die dann 2:1 in Stuttgart gewann, Uwe Bein darauf anzusprechen, dass er vom Bayern-Block aus der Nationalmannschaft rausgemobbt worden war. Danach hat Vogts sofort beim ZDF angerufen, und ich war raus aus der Bundesliga. Dann haben sie mich zum Frauenfußball geschickt – und tschüs. Auch damals gab es schon diese Abhängigkeit. Karl Senne (damaliger ZDF-Sportchef, jW) hat mich rausgeschmissen. Na ja, geholfen hat mir das insofern, als ich dann nach München gegangen bin.

Ich will damit sagen: Es hat es schon damals immer wieder gegeben, dass sich die Leute beschwert haben, nur hatten die nicht so viel Einfluss. Heute ist das glasklar. Wenn heute kritisch gefragt wird, sagt der Oliver Bierhoff: »Da gehen wir nicht mehr hin.« Das heißt, du musst da, ob im Radio oder im Fernsehen, Moderatoren hinstellen, die dem DFB oder der DFL genehm sind. Eine andere Chance hast du nicht. Und deshalb haben Manni Breuckmann und Günther Koch und Co. keine Chance mehr.

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zabo
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Re: Probleme mit der Berichterstattung

Beitrag: # 44798Beitrag zabo
Sa 17. Nov 2018, 15:41

Traurig ,sehr traurig

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